Barrieren zur Evolution
Aus dem Thread „Genetische Barrieren existieren nicht“

Beitrag des Monats: Juli 2001
von Reed A. Cartwright

Betreff:    Genetische Barrieren existieren nicht.
Newsgroups: talk.origins
Datum:      Juli 19, 2001
Autor:      Reed A. Cartwright
Message-ID: sIN57.57748$w5.5961339@news1.rdc1.ga.home.com


*Teil Eins*

Ich habe in einem anderen Thread („Thermodynamic challenge to creationists“) einige Beiträge zum „genetischen Barrierentyp“ gelesen. Ich dachte, ich würde der Diskussion einen eigenen Thread widmen. Ich weiß, dass manche Leute schon alles, was ich sage, bereits kennen, aber ich sage es trotzdem. Vielleicht wird etwas gelernt.

Ich habe nicht die vollständige Beitragsreihe, daher weiß ich nicht genau, was genau mit der „genetischen Barriere“ gemeint ist. Ich habe in dem anderen Thread keine genetischen Belege für eine solche Idee gesehen. Ich bin auch schon immer vor dieser Idee nicht darüber gestolpert, und ich bin in Genetik ausgebildet (B.S. in Genetik von der UGA, derzeit in der Promotion in Evolutionary Theory). Alles, was ich heraushole, ist, dass diese Barriere dazu vorgeschlagen wurde, das Fundament der Evolution zu „zerstören“, diese Barriere aber selbst kein Fundament besitzt.

Zur Einordnung, wie ich es verstehe, lautet die Hypothese der „genetischen Barriere“: „Es gibt eine genetische Barriere, die verhindert, dass sich eine *Art* in eine andere *Art* entwickelt.“ Ich habe noch keine genetische, wissenschaftliche Begründung für eine solche Barriere gesehen. Es gibt eindeutig keine Begründung, da die moderne Genetik diese Hypothese widerlegt hat. Creationists sprechen den Begriff aber trotzdem weiter, weil er es ihnen erlaubt, sachkundig zu wirken, obwohl sie tatsächlich nichts wissen. Solchen Leuten sind eher negative Gedanken als positive Ideen eigen.

Die Hypothese einer „genetischen Barriere“ wurde nicht von Creationisten erfunden. Sie entstand vor fast hundert Jahren bei Biologinnen und Biologen/Evolutionstheoretikern, um den Unterschied zwischen Makroevolution und Mikro­evolution zu beschreiben. (Für diese Argumentation steht Makroevolution für Evolution auf der *übergeordneten* Populationsebene, und Mikro­evolution für Evolution auf der *untergeordneten* Populationsebene.) Creationisten behaupten gern, dass die Mechanismen der Makroevolution grundsätzlich andere seien als die der Mikro­evolution; das ist für mich ihre genetische Barriere. Sie behaupten dann, dass es keinerlei Belege für Makroevolution gebe, Mikro­evolution sei aber gut belegt. Sie zeigen nie, warum die Hinweise für Makroevolution falsch seien; sie sagen nur, dass sie falsch sind. Ein längeres Zitat (verzeiht mir das) von Futuyma hilft, das Problem zu erklären:

„Eine der wichtigsten Grundannahmen der Theorie, die während der Evolutionären Synthese der 1930er und 1940er Jahre entstanden ist, war, dass die zwischen Organismen vorkommenden ‚makroevolutionären‘ Unterschiede — jene, die höhere Taxa unterscheiden — aus der Anhäufung derselben Arten genetischer Unterschiede entstehen, die innerhalb von Arten vorkommen. Gegenspieler dieser Ansicht vertraten die Meinung, dass ‚Makroevolution‘ qualitativ unterschiedlich von ‚Mikroevolution‘ innerhalb einer Art sei und auf einer völlig anderen Form genetischer und entwicklungsbedingter Neuorganisation beruhe. Der auf diesen Standpunkt verweisende, ikonoklastische Genetiker Richard Goldschmidt (1940) glaubte, dass die Evolution von Arten die Grenze zwischen ‚Mikroevolution‘ und ‚Makroevolution‘ markiere — dass es eine Art ‚brückenlose Lücke‘ zwischen Arten gibt, die nicht anhand der genetischen Variation innerhalb von Arten verstanden werden könne. Genetische Untersuchungen der Artunterschiede haben Goldschmidts Behauptung eindeutig widerlegt. Unterschiede zwischen Arten in Morphologie, Verhalten und den zugrundeliegenden Prozessen zur reproduktiven Isolierung haben dieselben genetischen Eigenschaften wie Variation innerhalb von Arten: sie besetzen konsistente chromosomale Positionen, sie können polygen sein oder auf wenigen Genen beruhen, sie können additive, dominante oder epistatische Effekte zeigen, und sie lassen sich in einigen Fällen auf spezifizierbare Unterschiede in Proteinen oder DNA-Nukleotidunterschieden zurückführen. Der Grad der reproduktiven Isolierung zwischen Populationen, sei er präzygotisch oder postzygotisch, variiert von wenig oder gar keiner bis hin zu vollständiger Isolierung. Somit entwickelt sich reproduktive Isolierung — wie die Divergenz jedes anderen Merkmals — in den meisten Fällen durch die schrittweise Substitution von Allelen in Populationen.“ (Evolutionary Biology, 3. Auflage. 477-478)

Verfechter von Barrieren glauben, wie Goldschmidt, dass Makro- und Mikro­evolution grundsätzlich unterschiedlich seien; doch im Gegensatz zu Goldschmidt nutzen sie das Fehlen eines ausschließlich makroevolutionären Mechanismus als Beweis für einen Schöpfer und als Beweis gegen die Evolution. Der Grund für das Fehlen eines solchen „Makro-only“-Mechanismus liegt darin, dass dieselben Mechanismen auf Mikro- und Makroevolution zutreffen. Dies ist keine *leichte Flucht aus der Verantwortung*, wie sie Laien glauben machen würden. Diese Sichtweise wird durch genetische und biologische Beobachtungen und Experimente gestützt. Goldschmidt konnte seine Behauptung im Jahr 1940 formulieren, weil es die Wissenschaft der Molekulargenetik damals nicht gab. Erst in den 1950er-Jahren lösten Watson und Crick die Struktur der DNA und zeigten, wie genetische Information bei der Zellteilung über Matrizenstränge weitergegeben wird. Der genetische Code wurde später entschlüsselt und erklärte, wie DNA Proteine codiert. Moderne Sequenzierungsstrategien ermöglichen es uns, molekulargenetische Mutationen konkreten Genen zuzuordnen und damit die Variabilität von Populationen und die Leistungsfähigkeit der Evolution zu demonstrieren. Diese Strategien erlauben es auch, Unterschiede zwischen den Genomen zweier Organismen zu kartieren. Die genetischen Unterscheidungsmerkmale für Taxa können durch den Vergleich von Organismen aus verschiedenen Taxa erkannt werden. Die aus solchen Untersuchungen gewonnenen Daten zeigen, dass Unterschiede zwischen Taxa denselben Regeln folgen wie Unterschiede innerhalb eines Taxons.
            --Reed

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Reed A. Cartwright
Promotionsstudent
Department of Genetics
University of Georgia
„Echte Wissenschaftler haben keine Ministerien.“